Umzugsvorbereitungen
Wo wohnen, wenn für ein Jahr nicht zuhause? Immobilienanzeigen für Greifswald gibt es zu Hauf. Appartements finden sich in attraktiven Lagen. Auch bezahlbar. Allerdings unmöbliert. Eine erste Recherche bereits ein Jahr vor dem Umzug liefert interessante Wohnmöglichkeiten, sofern man eigenes Mobiliar mitbrächte. Immerhin: eine Küchenzeile findet sich häufig. Die Wohnungseigner kennen ihre studentische Zielgruppe. Letztlich ist es der Tipp eines Freundes, sich beim Theologischen Studienhaus, einem kirchlich geförderten Studierendenwohnheit, um ein Zimmer zu bewerben. Gesagt, getan.
Den formlosen Antrag auf einen dieser begehrten Wohnheimplätze zu schreiben, ist für mich selbst mindestens so anregend wie (wahrscheinlich) für die Lesenden "auf der anderen Seite". Trotzdem heißt es, Geduld zu haben. Die Zimmervergabe erfolgt erst ganz zum Ende des vorausgehenden Sommersemesters ... Telefonisch lassen sich einige wichtige Fragen schon mal klären; im Telefoninterview wird auch die Ernsthaftigkeit meines Ansinnens und, nicht weniger wichtig, die Bereitschaft, sich in der Hausgemeinschaft zu engagieren, aufgerufen.
Ende Juli 2026 dann die erfreuliche Mitteilung: Ja, es gibt ein Zimmer für mich - allerdings nur bis Ende Januar. So kann ich zwar erst einmal in Ruhe in Greifswald ankommen, muss mich aber dann vor Ort baldmöglichst nach einer Alternative für die Zeit ab Februar 2027 umsehen. Das ist schon mal das erste Abenteuer. Aber so flexibel muss einer als Student schon sein. Nichts ist für die Ewigkeit. Umziehen: im Studierendenalltag das Alltäglichste auf der Welt. Irgend eine Unterkunft findet sich immer.
Recht spät dann tauchen erste Gedanken auf, was denn ins Umzugsauto gehört - und wie mein Umzugsgut überhaupt nach Greifswald kommt. Für die erste Frage wird immerhin Mitte September eine Packliste eröffnet, bedächtig füllt sie sich Stichwort um Stichwort. Die andere Frage ist schnell beantwortet: Zuladungen im Fernverkehr auf der Straße lassen sich die Speditionen fürstlich bezahlen. Das kommt also schon mal nicht infrage. Wohl dem, dessen Ehepartner einem da für die ersten sechs Wochen das Auto von zuhause ausleiht (und selbst bei Wind und Wetter die 10 km zur eigenen Arbeit mit dem Radl fährt!), um erst einmal alles an Ort und Stelle zu bringen! Die Rückführung des häuslichen Pkw lässt sich dann elegant mit einem ersten Besuch am Studienort verbinden, Anfang November.
Bücher. Ja, aber welche? Das Theologische Studienhaus verfügt über eine eigene Fachbibliothek ... Das theologische Seminar ist in 15 min zu Fuß erreichbar ... Der entsprechende Fundus an Fachliteratur wird dort zur Verfügung stehen. Also schon eher die schöngeistige Literatur zum Entspannen und Mit-Kopf-Kino-Verreisen. Thomas Mann. Mascha Kaleko. Delphine Horvilleur. Rafik Schami. Éric-Emmanuel Schmitt. Emmanuel Lévinas. Leïla Slimani. Bücher, die schon länger und geduldig darauf warten, gelesen zu werden. Der wählerische Langsam-Leser outet sich. Der Blick über den Zaun der eigenen Kultur lohnt ...
Musik. Klar. Muss ins Gepäck. Lieblingsstücke. Die Bach-Kantaten. Beethovens Streichquartette. Patricia Kopatchinskaja. Yo-Yo Ma. Sjaella. Olivier de Latry. Vieles davon findet sich auch online. Also eher die notwendigen Komponenten für eine einigermaßen qualitätvolle Tonwiedergabe ...
Und Einiges für die Küche. Kleine Gerätschaften. Das große Gewürz-Geschenk-Potpourri des Lehrerkollegiums, das mich gerade erst in den Ruhestand verabschiedet hat ... Eine Kochschürze. Zwei, drei gute Messer. Das ans Herz gewachsene Teegeschirr, der tägliche Begleiter am schulischen Arbeitsplatz bis vor kurzem. Die getöpferte Kanne stammt tatsächlich noch aus dem ersten Studium, bei der Töpferin persönlich auf dem Dilsberg bei Heidelberg vor über vierzig Jahren erworben ...
Das Nötigste für den Kleiderschrank. Das Fahrrad. Die Radl-Klamotten für die geliebten Ausflugstouren (der Ostseeradwanderweg lockt) ...
Doch jetzt, so unmittelbar vor dem Aufbruch, wird das Herz dann doch noch einmal schwer. In einem Telefonanruf bei einer Kommilitonin von damals (1984) lässt sich davon erzählen. Es sind ja auch die Lieben, die ich für eine Weile nicht in der Nähe habe. Meine liebe Frau. Unsere prächtigen, schon lange erwachsenen Kinder. Unsere zauberhaften Enkelinnen. Videotelefonieren ist da nur ein schwacher Ersatz!
Das Auto füllt sich auf diese Weise mit Leichtigkeit. Jetzt ist die Kunst der Beschränkung gefragt. Am Freitagabend, 25.9., muss alles verstaut sein. Am Samstag geht's frühmorgens auf zur Orchesterprobe der Bachkantate "Wer nur den lieben Gott lässt walten", die am 27.9. in der Nürnberger Lorenzkirche aufgeführt wird. Ich sitze als Pultnachbar neben der Konzertmeisterin. Die Vorfreude ist schon groß!
Auf nach Nürnberg! Auf nach Greifswald! Am Montag, 28.9.2026. Mit Bach im Rücken ist die Wehmut des Abschieds aus dem Gewohnten und aus dem schönen Ampertal hoffentlich gut zu ertragen. Und Caspar David Friedrichs Greifswald ist allemal ein Jahr Entbehrung der Heimat wert!
Seinen Platz finden
Am Montagabend, noch bei Tageslicht, bog ein Touran mit Fürstenfeldbrucker Kennzeichen, gut gefüllt mit Koffern und Kisten, zum ersten Mal in die Steinstraße in Greifswald ein. Der Fahrer hielt aufmerksam Ausschau nach der Hausnummer Drei, doch beim Zählen der Häuser musste er feststellen, dass die Hausnummern auf der rechten Straßenseite durchgängig vergeben worden waren, und erst das dritte Haus dann das gesuchte war. „Studienhaus“ prangt in großen gemalten Lettern über der Eingangstür, die bereits auf halber Höhe zum Hochparterre plaziert ist. „Theologisches Studienhaus“ ist der eigentliche Titel des Gebäudes und der Institution. Warum die Theologie im Straßenbild weggelassen wurde, weiß ich noch nicht. Immerhin gehört die Theologische Fakultät zu den vier Gründungsfakultäten der ehrwürdigen Greifswalder Universität, gegründet am 17. Oktober 1456. Als Studierendenwohnheim besteht dieses Haus bereits seit 1897. Erfreulicherweise fand sich in der nicht allzu breiten Straße ein freier Parkplatz ganz in der Nähe auf dem Seitenstreifen. Gerade als das Fahrzeug ordentlich eingeparkt war, fuhr langsam und recht nahe ein größerer Kombi an die Fahrerseite heran und hielt auf gleicher Höhe; ganz offensichtlich wurde ich misstrauisch in Augenschein genommen, der ich, schon geparkt, noch auf dem Fahrersitz geblieben, gerade ein Statusbild postete; ganz offensichtlich hatte jener andere Autofahrer fest mit diesem Parkplatz gerechnet und war wenigstens ordentlich verwundert wenn nicht verärgert, dass ihm da nun ein Fremder zuvorgekommen war. Er stellte sich dann eine Autolänge weiter vorne sehr dicht in zweiter Reihe parkend in die Straße ... Die Parkflächen waren nicht näher ausgeschildert oder eingeschränkt zu benutzen. Doch stellte ich später am Abend, nach dem Ausladen all meines Umzugsguts, fest, dass alle einheimischen Fahrzeuge ringsum einen Parkausweis der „Anwohnerzone 5“ für den Zeitraum eines Jahres in der Windschutzscheibe liegen hatten. Ein von mir herangewunkener Autofahrer erklärte mir geduldig, dass ganz Greifswald in solche Parkzonen eingeteilt sei, und dass nur Menschen mit erstem Wohnsitz in den Genuss einer solchen Parkerlaubnis kämen. Da war dann guter Rat teuer, wohin in dieser Nacht mit dem mitgebrachten Auto. Wo würde es bis Anfang November unbehelligt stehen können, ohne währenddessen eine Unmenge an Parkgebühren zu verbrauchen? Vorläufig steuerte ich wohl oder übel, nach dem Ausladen, also eine ganze Weile später, einen zu bezahlenden, immerhin mit Schranke gesicherten öffentlichen Parkplatz an, um dem Abgeschlepptwerden zu entgehen. Doch die Frage, wohin mit dem Auto für die nächsten sechs Wochen, blieb vorerst ungeklärt.
Im Haus hingegen erlebte ich einen herzlichen und kundigen Empfang durch eine Mitbewohnerin, die mich bereits erwartete und die sich wohl für meine Begrüßung freiwillig in der Hausgemeinschaft gemeldet hatte. Sie nahm mich sogleich zu einem ausführlichen Hausrundgang mit, wir betraten alle Gemeinschaftsräume, kletterten auf der Hühnerleiter sogar bis auf den Dachboden und seine Stauräume für die Bewohner, sie erklärte mir die Gepflogenheiten in der großen Gemeinschaftsküche, deutete auch schon an (was mir von der Bewerbung her bekannt war), dass auch die Reinigung des Hauses von den Bewohnern selbst regelmäßig vorzunehmen sei, und worauf sonst so zu achten wäre – angefangen vom Betreten des Hausflurs nur mit Hausschuhen, die man bitte im Windfang zu wechseln habe. Was für ein Glück, dass ich wirklich Hausschuhe im Gepäck hatte ...
Schließlich gelangten wir am Ende des Rundgangs zu dem für mich vorgesehenen Zimmer. Ich staunte nicht schlecht, als ich an der Zimmertür, vor dem Hintergrund eines Regenbogens, in fröhlichen Farben aufs Papier gebracht, eigens in Weiß aus festem Kartonpapier ausgeschnitten der Buchstaben meines Vornamens, in herabsteigender diagonaler Reihe aufgeklebt, gewahr wurde. Darüber war sogar noch ein herbstlich gewundener, getrockneter kleiner Türkranz aus Ähren aufgehängt – wie zum Zeichen der stillen Übereinkunft unter Christen, dass wir in unseren evangelischen Kirchen am kommenden Sonntag das Erntedankfest feiern. Was für eine Begrüßung, was für ein Empfang, wahrzunehmen, dass sich hier offensichtlich andere Hausbewohner bereits mit meiner Ankunft beschäftigt hatten, und wie sie ihre Ideen dann kreativ umgesetzt hatten. Da fühlte ich mich im selben Moment nicht förmlich, sondern sehr herzlich und persönlich in die Hausgemeinschaft aufgenommen. Mein Platz ist nun für die nächsten Monate hier in der bunten Runde der 20 Bewohnerinnen und Bewohner dieses Hauses. Da musste ich erst gar nicht lange überlegen. (Und klar war auch, dass wir uns als Studierende untereinander duzen werden. Keine Privilegien für den Senior-Student. Keine Sonderrechte, kein Sonderstatus für den im Ruhestand erneut Studierenden.)
(Zwei Tage später erreichte mich das Angebot, mein Auto mit kurzer Erläuterung in der Windschutzscheibe auf dem institutseigenen Parkplatz des Lehrstuhls für Praktische Theologie in zentraler Lage in der Stadt abstellen zu können! Völlig unkompliziert. Ganz und gar hilfsbereit. Der Lehrstuhlinhaber persönlich, am Telefon. Eine Absprache in nicht mehr als drei Minuten. Für das Auto war also schon mal ein Platz gefunden.)
Gleich beim ersten Telefonkontakt mit der Studienberaterin bestanden Zweifel, ob ich denn ein Fach, in dem ich bereits ein Abschlussexamen abgelegt habe (mein erstes theologisches Examen legte ich im Spätsommer 1985 bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, meinem späteren Arbeitgeber ab und hatte es im ersten Anlauf auch bestanden), noch einmal studieren könne. Auf einmal standen da, ganz kurz vor meinem Umzug nach Greifswald, eine Menge Fragen im Raum. Was würde mein Platz sein können an der Greifswalder theologischen Fakultät? Welche Form des Studierens wäre mir denn möglich? Die Unsicherheit meiner telefonischen Gesprächspartnerin übertrug sich unmittelbar auf mich selbst. Unruhe machte sich in mir breit. Immerhin, wir vereinbarten einen Gesprächstermin vor Ort, nach meinem Umzug nach Greifswald. Doch wie groß war meine Freude, als bereits am zweiten Tag im Theologischen Studienhaus morgens ein großer Briefumschlag des Studierendensekretariats der Universität Greifswald in meinem Postfach lag – mit meiner Immatrikulationsbescheinigung als Student für den Abschluss als Magister der Theologie! (Ich hatte mich schon eine Woche zuvor für diesen Weg der Studienplatzbewerbung entschieden gehabt und alle erforderlichen Unterlagen, ebenfalls in einem großen Umschlag, von Grafrath aus auf den Postweg geschickt.) Da habe ich dann wohl doch meinen Platz im Universitäts-Betrieb unter den Studierenden verschiedenster Abschlussrichtungen (denn ein Abschlussziel muss man schon haben und auch angeben, wenn man irgendwo einen Studienplatz in Anspruch nehmen will!).
Der für mich berührendste Punkt aber ist dieser: Jetzt, in den Wochen nach meiner Ruhestandsversetzung als Pfarrer im hauptberuflichen Schuldienst der bayerischen Landeskirche, wird mir langsam bewusst, dass ich damit einen Platz, den ich bisher für das Selbstverständlichste in meinem Leben überhaupt hielt, verlassen musste und verloren habe. Nirgends kann ich hinkommen und einfach sagen, ich sei der und der und arbeite im Übrigen an zwei Schulen in München als hauptberuflicher Schulpfarrer im Religionsunterricht. Was sage ich also jetzt? Ich bin Student der Theologie ... Ich komme ins Stottern ... Als ich 1979 mein Abiturzeugnis in der Tasche hatte, da war das Gefühl ein ganz anderes: jetzt würde mir die ganze Welt offenstehen; alles ist erreichbar; alles machbar. Doch als ich mich dann an der Universität in Hamburg unter die anderen 120 Erstsemester einreihte (die es damals noch gab!), machte sich schnell die Erkenntnis breit, dass ich hier wieder völlig am Anfang stand, dass mir aber auch nichts von den vielen Grundlagen der verschiedenen theologischen Disziplinen vertraut war und ich wirklich erst einmal Schritt für Schritt Grundkompetenzen theologischen Arbeitens und Forschens erlernen musste. So ähnlich ging es mir heute, als ich ein erstes Mal im Gebäude der Theologischen Fakultät Am Rubenowplatz 2 und 3 stand und an einer Glaswand im Inneren ein unübersehbares Plakat fand, darauf der Lehr- und Stundenplan einer ganzen Woche (gleich ab dem 5.10.26), täglich bis zu vier doppelstündigen Einheiten teils EU-zertifizierter Lehrangebote analoger und (mir schien, vor allem) digitaler Art zu den Grundkompetenzen des Studierens im digitalen Zeitalter ... Die angesagte und an der Universität breit genutzte Plattform heißt „Moodle“ ... (doch das ist bestimmt nicht mehr dasselbe Moodle, das uns die Mitarbeiterin des Ministerialbeauftragten für unseren Schulbezirk als Kommunikationsplattform vor 20 Jahren mühsam ans Herz zu legen versuchte). Da muss ich mich wohl nun auch ganz neu orientieren und zusehen, wo und welchen Platz ich in diesem digitalen Netzwerk einnehme(n kann und muss).
Seinen Platz finden. Auch als Seniorstudent in einer bisher nur als Urlaubsort wahrgenommenen Stadt eine veritable Aufgabe. In diesem Sinne: An die Arbeit.
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